Die Geschichte von Arthur Mangrove
Dies ist die Geschichte meines Weges. Des Weges von Arthur Mangrove. Das bin ich. Alles begann… nun, eigentlich war dies erst der symbolische Beginn von allem. Das sollte gesagt sein. Also: alles begann am Abend eines kalten aber trockenen Novemberabends des Jahres siebzehnhundertundzwei. Man hatte sich bei
Spiel und Gaukelei vergnuegt, und sich dabei ueber die kleineren und groesseren Probleme des Alltags unterhalten. Dies war auf dem gemeinsamen Gut meines ehrwuerdigen Onkels und der Nachbarsfamilie, den Darlinghams. Kurz vor meiner Ankunft hatte man eine Pferdedroschke kommen und gehen sehen, welche die Wappen des Grafensohnes Marcwire aus Essex trug. Mit ihm entschwunden war dann Maria, der Darlinghams aelteste Tochter. Obwohl sie das heiratsfaehige Alter schon laengst erreicht hatte, liess man sie ihrer Praeferenzen nachgehen und huetete sich auch, eine Partnerwahl fuer sie zu treffen. Bloomingdale war trotz oder vielleicht durch seine geringe Einwohnerschaft und Groesse ein wundersamer Ort.
Hier lebten Menschen, die sich nicht irgendwelchen sinnlosen Doktrin zu unterwerfen gedachten, darin eingeschlossen die ungeschriebenen Gesetze der unteren Gesellschaftsschichten oder die Intrigen der Oberen. Obgleich nun diese aelteste Tochter und ich uns nun schon seit geraumer Zeit kannten und besuchten, empfanden wir doch ganz offensichtlich nicht das gleiche fuereinander. All meine Avancen landeten im Nichts. Wohl schaetzte sie Liebesbriefe und Rosen gleichermassen, wie auch Celine, ihre kleine Schwester mir waehrend des Ballspiels erklaerte. Nur erwidern konnte sie dies alles nicht. Stattdessen war Maria die, die sie nun einmal war. Ein Quell der Ruhe und der Harmonie fuer mich. Beduerftig nach Harmonie auch in ihrem eigenen Herzen. Und so ertrug sie es fuer ueblich nicht lange, wenn ich Bloomingdale fuer laengere Zeiten fernblieb. All diese Zeiten des Fernebleibens hatten selbstverstaendlich nur den einen Grund, sie und all das, was sie mir bedeutete zu vergessen. Es funktionierte nicht, und konnte wohl nicht funktionieren. Entweder es war eine Moebelstueck bei Onkel und Tante zu erledigen, oder die Darlinghams hoechst selbst haetten mir gern eine alte Truhe gezeigt, die wieder instand gesetzt werden sollte. Traf nichts davon ein, so durfte ich sicher sein, in meinem Briefkasten binnen weniger Wochen einen Brief mit Sorge und Bitte nach Meldung von Maria vorzufinden. Nun ist die Psyche eines jungen Mannes eine hoechst fragile (und in der Tat oft recht einfach gestrickte) Angelegenheit: auf stilles Sinnen folgten ein ums andre Mal lautes Rufen nach Gerechtigkeit. Dann Ueberlegungen hoechst optimistischer Art, gestuetzt von der Ermunterung die mehr oder weniger gute Freunde gleichermassen einem in Frauendingen gerne zukommen lassen. Und um Ausreden, nach Wochen der Stille wieder auf der Tuerschwelle des Hauses Darlingham zu stehen war ich nie verlegen. Immerhin kannte man mich dort noch aus fruehester Kindheit, und es bestand ein herzliches Verhaeltnis zu allen. Mehr noch: jeder Lauf dieses Kreises fand seinen in der Tat gluecklichen Abschluss im Schoss von Maria. So wie es haette sein sollen. Von oben herab geht es immer nur noch nach unten. Die darauf folgende Abwaertsspirale ist keiner weiteren Erlaeuterung wert, und folgte immer den gleichen Schemata.
Man ahnt es jedoch schon, ich wuerde dies nicht schreiben, wenn nicht etwas anders waere. Als nach einiger Zeit Celine und ich unseres Ballspieles Leid geworden waren, zogen wir uns beide zurueck. Sie sich in ihr Haus, und ich mich in das meines Onkels, wo man noch einige Stunden zusammensitzen wollte. Es soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass auch Celine ein Maedchen von bezaubernder Schoenheit, und mit lebhaftem wie intelligentem Wesen war. Oft hatte mich die Frau meines geachteten Onkels damit aufgezogen, wie gut Celine und ich zusammenpassen wuerden, kannte sie doch das Spiel mit Maria nur all zu gut. Nur nebst der Existenz meiner Liebe zu Maria sorgte der enorme Altersunterschied zwischen Celine und mir dafuer, dass sich trotz gegenseitiger Sympathien zwischen uns nichts entwickeln konnte, oder durfte. Das Beisammen sein am Kuechentisch, zu dem meine Tante warmen Apfelkuchen serviert hatte war dem Ende zugegangen, und der Haushund sass nun, fordernd blickend, zu meinen Fuessen. Die Forderung nach Ausgang war eindeutig.
Just in dem Moment da ich die Haustuer oeffnete und meine Nase in das beissende Schwarz des Mondlosen Umhangs aus Dunkelheit und Kaelte zu strecken gedachte, liess sich das verhaltene Schnauben eines Pferdes vernehmen. Was sich im naechsten Moment auf der zum Ross gehoerigen Kutsche abtrug liess meine Welt zusammenbrechen. Das Licht der Oellampe, die der Kutscher entzuendet hatte, erhellte die Shillouetten der Maria, wie sie Marcwire einen Kuss auf die Lippen drueckte. Meine Disziplin gereichte die Tuer zu schliessen, doch von dem dann folgenden Schrei muessen die Grundmauern tief geschaedigt worden sein. Die herbeieilende Familie meines Onkels fand mich als elendes Haeuflein am Boden liegen, wie den Koerper der nunmehr sterbliche Huelle ist. Waere in dem Moment ein Jaeger dahergekommen, und haette mich fuer ein gutes Mahl befunden, so waere dies willkommene Erloesung gewesen. Alles zunichte gemacht.
Als man mir aufgeholfen und mit gutgemeinten Reden von Baldrian und Kamillentee das Blut noch mehr zum kochen gebracht hatte verliess ich den Ort des Grauens. Ach, da war noch nicht mal ein Grauen. Selbst gaehnende Leere waere eine nett schmunzelndes weises Mitglied des Aeltestenrates gewesen.
Mein Weg fuehrte fort von allen Anzeichen menschlichen Lebens, immer in die eine Richtung, immer gen Norden. Kaum ausser Hoerweite vom Dorf schlug die Hilflosigkeit in pochende Wut um, machte meine Lungen Schreie hervorstossen, so laut und elend es nur ging. Nach gut einer Stunde war mir mein Ziel bekannt.
Vor mir lag die Lichtung am Rande der Bloomingdale Woods. Ich atmete tief durch und stellte ohne grosse Verwunderung fest, dass es nicht den selben Gemuetserheiternden Effekt zeigte, den tiefe Atemzuege sonst so gerne zeigen. Stattdessen vergroesserte sich das flaue Gefuehl in jeder Zelle meines Koerpers je weiter ich mich in die Lichtung hineinbewegte, wie von Geisterhand geleitet mich immer zur oestlichen Begrenzung hin orientierend. Dort standen Daemonen aus dunkler Masse, mich fast mit den Blicken verfolgend. Jeder einzelne erfordete es, auf ihn zuzulaufen und zu beruehren, so denn sein Bann gebrochen wuerde und er wieder zu Baumstumpf oder Fels erstarrte. Dann war es da, das schwarze Loch. In der Boeschung sass es, und schlang auch noch das letzte bisschen Licht in sich hinein. Ich kannte diesen Ort, als Kind hatte meine Mutter mich oft mit hierher genommen. Hier musste sich wohl all das abgespielt haben, was sie zu der gemacht hatte, die sie fortan bis zu ihrem Tod gewesen war. Und die Geister, die sie in ihren jugendlichen Waehnen gerufen hatte schienen nicht vergessen zu haben, dass man sie vergessen hatte. Angefuellt mit Hass, und in Erwartung all der Boesartigkeit die sie noch anzubringen gedachten lauerten sie hier in der alten verlassenen Moenchskapelle. Mit uebermenschlicher Willenskraft, woher ich sie genommen habe ist mir noch immer ein Raetsel, bewegte ich mich auf das Loch aus Steinen und Geistern zu. Und jeder einzelne Schritt gab mir Zuversicht, so lange bis sie alle sich in den Mauerritzen verkrochen hatten. Da mir die Blase drueckte und Geister im allgemeinen zwar recht boese, dennoch aber reinliche Wesen sind, pinkelte ich kurzerhand auf das Gras vor der Kapelle. Dann drehte ich mich resolut um die eigene Achse, ging zur Mitte der Lichtung, und richtete mein Wort an das Universum in all seiner Praesenz. Die guten Kraefte moegen gelauscht haben, doch die Boesen erzitterten. Denn was ich sagte war von Angst geloest, hatte jeden Anflug des Zweifels oder des Egoismus verloren und war doch die Erklaerung meinerselbst.
Beim Verlassen der Lichtung, ein zurueckblicken war unnoetig geworden, zog Nebel herauf und verband wieder alle Elemente des Seins in seinem suppigen Grau.