Harmonie?
Ein seltsames Paeaerchen sind sie, die beiden, die da so nett auf dem Sofa hocken. Sie einen tragbaren Computer auf dem Schoss, er einen Gips um den ganzen Unterschenkel. Er fuer sie ein Freund, vielleicht sogar ein guter. Sie fuer ihn…
…alles. Eine Prinzessin, wie er sich ausdruecken wuerde. Die gefundene und achtlos weggeworfene Liebe seines Lebens. Damals. Das ist das Wort, das alles beinhaltet: “Damals”. All den Schmerz, die verachtenswuerdigen Verhaltensweisen, und die Verwirrung. Prinzessin. So moechte sie nicht genannt werden, das kann man(n) spueren, so glaubt er zumindest.
Werbepause nun im Fernseher der vor den beiden steht. Sie, oder doch er, mal sie, mal er – schaltet um auf einen Musikkanal. Der Titel des Liedes ist “Herz aus Glas”, und so scheint der Interpret auf grausame Weise Spiegelsilber von innen auf die Mattscheibe zu spruehen. Er unterdrueckt. Die beiden haben eine lange Vorgeschichte, und Hoffnung ist nicht nur sinnlos, nein, sie ist auch Anaestetikum, Adrenalin und Wahrheitsserum in einem. Wahrheit sich selbst gegenueber:
Damals, nachts in seinem Zimmer, als in ihr ein tief verborgenes Feuer aufflammte, und er es mit der Angst zu tun bekam.
Damals, nachts in seinem Zimmer, als er – ungeuebt in den Kuensten der Liebe, und zusaetzlich zum jugendlichen Drang auf noch unachtsam – die Zunge ihr doch ein bisschen zu weit in den Mund steckte.
Damals, nachts in der Wohnung seiner Tante, als sie sich trennten, und er es wie in einem schlechten Film “nochmal versuchte”.
Die ganze Zeit hindurch, in der er versuchte sie zu vergessen. Dann die neue Hoffnung: die beiden mit ihrer besten Freundin nachts vor dem Fernseher. Die beste Freundin links, sie (die vom Volk geliebte) in der Mitte, und er rechts. Getuschel, kaum vernehmbar.
- Du willst es doch, oder nicht?
- Jaa, schoon…
Ein wenig spaeter die beiden eng aneinander gekuschelt, auch wenn ein aeusserer Beobachter die Verteilung von Passivitaet und Aktivitaet klar haette deuten koennen. Danach alles lau, fuer lang, ganz lang. An einem warmen Sommerabend die Frage, schuechtern. Gute Atmosphaere, scheiss Text. Nein, das wolle sie nicht. Irgendwann zwischendrin ist auch noch ein Liebesbrief. Mit Herzblut geschrieben, und gelesen muesste sie ihn eigentlich haben. Eine Antwort gab’s nie. Lange Zeit also nichts. Dass sie jetzt ueberhaupt wieder im selben Zimmer hocken hat abermals mit ihrer besten Freundin zu tun. Zwischen der und ihm war ja nie etwas vorgefallen, recht hat sie also wenn sie sich ueber sein langes Fernbleiben beschwert. Dass sie alleine im selben Raum vor dem Fernseher (Dem Fernseher!) sitzen, und auf dem Computer das Spiel laeuft das sie immer gespielt haben hat noch einen anderen Grund. Etwas von wegen Schusseligkeit. Ein kleiner Trottel ist er, darum auch der Gips.
Nun, das Lied vorueber, und da was jetzt gespielt wird weder Inhalt noch wirkliche Aussage besitzt, lehnt er sich ein wenig herueber zu ihr, um den Computerbildschirm betrachten zu koennen. Ein paar Augenblicke spaeter lehnt sein Kopf an ihrer Schulter, hilft er ihr bei der Loesung des Spiels, zumindest solange bis die Werbepause zuende ist und wieder umschaltet werden kann.
Ein Junge, den Kopf behutsam an die Schulter des Maedchens zu seiner rechten gelehnt, beide auf ein Spielbrett blickend. Harmonisch, oder nicht?